Leseprobe

Roman Wolfsseele von Merith Thorin

 

Mein Kopf lag zwischen einem Amboss und einem Schmiedehammer. Zumindest fühlte es sich so an, als ich wieder zu mir kam. Kaum versuchte ich mich zu bewegen, als sich alles auch noch wie wild im Kreis zu drehen begann. Ich schloss wieder die Augen und lag ganz still. Der hämmernde Schmerz ließ bald nach und auch das Karussell kam fast ganz zum stehen. Vorsichtig begann ich mich aufzurichten. Es klappte besser als beim ersten Versuch. Ein schmerzliches Stöhnen neben mir sagte mir, dass auch Markus dabei war, den Kopf aus dem Schmiedehammer zu ziehen.

Bisher hatte ich nur mit zusammen gekniffenen Augen vorsichtig an mir herunter geblinzelt. Es schien noch alles dran zu sein. Aber jeder Lichtstrahl der durch die Augen drang verstärkte das Hämmern in meinem Kopf wieder.

„Oh Mann! Das fühlt sich an wie fünf Schleudergänge hintereinander bei zweitausend Umdrehungen!“, stöhnte Markus.

„So etwas in der Art war es wohl tatsächlich.“ Ich erinnerte mich an den Strudel.

„Was war das eigentlich?“, wollte Markus wissen.

„Keine Ahnung.“ Ich machte die Augen ein Stück weiter auf. Dann riss ich sie ganz auf bis sie mir fast aus dem Kopf fielen. „Das glaub ich einfach nicht!“

„Was denn? … Ach du Scheiße!“ Auch Markus starrte jetzt in die Runde. Was wir sahen war völlig unmöglich. Wald! Bäume! Dichter, dunkler, grüner Kiefernwald! Soweit das Auge reichte. Aber das war eben nicht sehr weit, weil unglaublich hohe, eng stehende Bäume den Blick versperrten. Jeder Berg, jeder Hügel um uns herum war plötzlich von dem saftigen Grün bedeckt. Unfassbar! Unmöglich!

„Wo kommt denn das auf einmal her?“ Markus sah mich an, als müsste ich die Antwort wissen.

Ich zuckte nur ratlos mit den Schultern und stand auf. „Ha!“, entfuhr es mir. Selbst der Bergrücken über uns war bewachsen. Es gab plötzlich jede Menge Sträucher und Bäume an denen wir uns festhalten konnten. Das Hinaufklettern versprach wenigstens einfacher zu werden.

„Wo ist denn mein Rucksack?“ Suchend sah sich Markus um. „Der war doch gerade noch hier.“

„Wann hast du ihn zuletzt gesehen? Bevor oder nachdem dieses … dieses Ding erschien?“

„Na gerade eben! Also eigentlich … ehm … vorher.“ Vollends verwirrt sah er mich an.

„Jetzt lass uns erst mal hochklettern, damit wir von diesem verdammten Felsen runter kommen.“ Ich hielt das für das Nächstliegende und hoffte, dass sich alles andere dann schon ergeben würde.

Zunächst ergab sich nur, dass es schwieriger war als ich gedachte hatte, sich durch das dichte Gestrüpp zu kämpfen, das plötzlich überall wucherte. Als wir endlich die Stelle erreichten, wo eigentlich der Weg hätte sein müssen, waren wir ziemlich ramponiert.

„Das gefällt mir alles überhaupt nicht.“, murmelte ich halblaut vor mich hin, während ich mich umsah. Da war kein Weg mehr.

„Ich verstehe das einfach nicht.“, sagte Markus. „Wo ist der Weg und wo kommt denn so plötzlich der viele Wald her? Hat dieser … Lichtstrudel das gemacht?“

„Der Strudel hat bestimmt etwas mit diesem … diesem … plötzlichen Wachstumsschub zu tun. Aber ich glaube trotzdem nicht, dass der den Wald gemacht hat.“, antwortete ich.

„Aber wer oder was dann?“

„Kein Ahnung. Ich habe nicht die geringste Idee. Jedenfalls habe ich kein gutes Gefühl bei der Sache. Irgendetwas sagt mir, dass wir mächtig in der Klemme sitzen.“

Markus zog den Kopf zwischen die Schultern. „Was tun wir denn jetzt? Und wie kriegen wir unsere Sachen zurück?“

„Das weiß ich auch nicht. Wir wissen ja nicht einmal, wo sie abgeblieben sind. Das ist einfach total verrückt!“ Noch immer sehr verwirrt sahen wir uns in dem grünen Dickicht um.

„Wir sollten vielleicht besser den Weg zurück gehen, den wir gekommen sind. Wer weiß ob sich noch mehr verändert hat. Und da wir keine Karte und keinen Kompass mehr haben, wäre es schwierig, den Rest der Route zu finden.“, schlug ich vor.

„Aber wäre das nicht kürzer?“

„Möglich. Aber wir könnten uns verirren. Schau mal, der Weg ist ja nicht mehr da. Wir können uns nur an sehr stark veränderten Landschaftsmerkmalen orientieren, durch die wir auf dem Hinweg gekommen sind. Wie der Weg weiter geht, wissen wir auch nicht. Durch diesen plötzlich aufgetauchten Wald wird es schon schwer genug, wenigstens ein paar markante Stellen wieder zu erkennen.“

Nachdenklich fuhr sich Markus durch die Haare. Das tat er immer, wenn er sich unschlüssig war, was er tun sollte. Danach standen sie ihm immer vom Kopf ab, als hätte er einen Stromschlag bekommen. Sonst fand ich das immer komisch. Diesmal nicht.

„Ich glaube du hast recht. Gut, gehen wir zurück.“

Das war viel leichter gesagt als getan. Außer dass wir nach Orientierungspunkten in diesem Urwald suchen mussten, war es auch überaus mühsam, sich durch das stellenweise extrem verwachsene Unterholz zu kämpfen. Mehr als einmal kam mir der Gedanke, dass noch nie ein Mensch einen Fuß in diese Gegend gesetzt hatte. Aber das war natürlich Unsinn … hoffte ich.

Wir kamen nur langsam voran und eine Zeit lang fürchtete ich schon, dass wir uns verirrt hatten. Dann kamen wir an eine Felsformation, die irgendwie an eine Faust mit nach oben gerecktem Daumen erinnerte. Diese Stelle hatten wir auch auf unserem Hinweg passiert.

„Sieh mal! Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Auch Markus hatte den Ort wieder erkannt. Es dauerte noch eine geschlagene dreiviertel Stunde ehe wir die Stelle erreichten. Und einen leichten Schock bekamen.

Der Weg hatte genau am Fuß des Felsens am Rande einer etwa fünfzehn Meter tiefen aber nicht sehr breiten Schlucht vorbei geführt. Eigentlich war es mehr eine Spalte zwischen der Felsformation und dem Ausläufer eines wesentlich höheren Bergrückens. Dieser Bergrücken war jetzt genauso bewaldet wie alles andere im weiten Umkreis. Nur dieses markante Steingebilde hob sich noch hell von seiner Umgebung ab.

Was uns jedoch einen Schrecken versetzt hatte, war der Durchgang. Oder vielmehr sein Fehlen. Dort wo er noch vor kurzem ungefähr in Höhe der Daumenwurzel vorbei geführt hatte, war jetzt nichts als massiver Fels. Als wir näher kamen sahen wir, dass das Gestein einen dünnen, senkrechten Riss aufwies. Ich erkannte die Bruchstelle, die eine fast glatte Wand über dem Weg gebildet hatte. Das Gestein selbst war auch ungewöhnlich. Es wies eine für diese Gegend seltene Maserung auf. Schlieren in verschiedenen Rottönen bildeten mehrere Schichten. Bruchstücke des Felsens mit eben dieser Maserung, der jetzt heil und unversehrt den Durchgang versperrte, hatten in der Schlucht gelegen. Das Gestein hatte Spuren von jahrhundertelanger Verwitterung getragen.

„Das gibt es doch gar nicht! Wo kommt denn auf einmal der Felsen her?“ Völlig verunsichert berührte Markus den Stein, wohl in der Hoffnung, dass es ich um eine Einbildung handelte. Das war es leider nicht.

Meine Gedanken rasten. Verzweifelt versuchte ich, eine Erklärung für das alles zu finden. Eine, die möglichst vernünftig klang. Aber alles, was mir einfiel, war keineswegs vernünftig. Es war genauso irrwitzig wie die Ereignisse der letzten Stunden und der Felsen da vor uns.

Markus sprach als erster.

„Das ist doch hier immer noch Schottland?“

„Ich denke schon.“ Zweifelnd sah ich mich um.

„Ich sehe aber keine Schotten.“

„Was willst du damit sagen?“

„Nun … dieses Licht … die Geschichten aus dem Fernsehen …!“

„Was für Geschichten?“ Konnte er nicht endlich auf den Punkt kommen?

„Irgendwas mit parallel …?“

„Du meinst die Theorien von parallelen Dimensionen oder Universen?“, hakte ich nach. Markus nickte. Ich starrte den Felsen an, als könnte ich ihn durch bloße Willenskraft wieder in Stücke brechen und in die Schlucht stürzen lassen. Markus Idee klang ja noch verrückter als meine Vermutungen. Ich schwieg.

„Was, wenn auf dieser Erde Schottland bewaldet ist?“

„Das wäre zumindest eine Erklärung.“ Mit einem leichten Schauder betrachtete ich weiter den Felsen, der uns den Weg versperrte.

„Hast du eine bessere?“ Nein, hatte ich nicht. Ich schüttelte den Kopf. So oder so saßen wir wohl in einem mysteriösen Schlamassel, der glatt aus einer dieser Fernsehserien hätte stammen können.

„Was tun wir jetzt?“, wollte Markus wissen.

„Wir gehen weiter. Wir suchen einen Weg um dieses Ding herum.“ Ich deutete auf den Felsen. „Dann versuchen wir, die Stelle zu finden, wo unser Auto steht … stehen müsste.“ Es fiel mir schwer, mir vorzustellen, dass das Auto nicht mehr da war, wo wir es zurück gelassen hatten.

 

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