Merith Thorin


 

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RUNA (noch nicht erschienen)

 

Germania Magna - Das freie Germanien, ca. 20 v. Chr. Schier endlose Wälder bedecken das Land rechts des Rheins.

Das Leben der Menschen hier ist karg, jeder Ackerstreifen mühsam der Wildnis entrungen und Zwietracht nie sehr fern.

Da taucht eine Fremde auf - ohne Erinnerung und ohne Kenntnis der germanischen Sprache.

Trotz ihres Misstrauens nimmt eine Sippe die Fremde auf und gibt ihr einen Namen - Runa.





Leseprobe


 

Das Thing neigte sich dem Ende entgegen. Auch das ablehnende Murren auf Hagriks Argumente wurde schwächer. Etwas unwillig stimmten die Männer dem Vorschlag des Fürsten zu, noch einmal mit dem Nachbarstamm der Sugambrer über die Nutzung des fischreichen Weihers im Grenzgebiet zu verhandeln. Zu diesem Zeichen schlugen sie ihre Framen gegen die Schilde. Die Luft war so erfüllt von den Klängen der Waffen, dass es wie fernes Donnergrollen klang.

„Diese habgierigen Unholde werden sich an keine Abmachung halten, das sage ich dir.“, brummte Einar in Gerulfs Richtung. Dieser nickte bedächtig. Dennoch war auch er der Meinung, dass es sich nicht lohnte, wegen ein paar Fischen einen Krieg zu riskieren. Die Aussaat stand gut und der Sommer versprach warm zu werden. Sie würden genug Vorräte erhalten, um den Winter zu überstehen. Außerdem konnten sie im Herbst jagen, wenn die Rehe und Hirsche fett gefressen und einen Hauch schwerfälliger waren als sonst. Gerulf liebte die Jagd mehr als das Fischen. Aber natürlich brachte letzteres immer auch etwas Abwechslung auf den Tisch.

Der allgemeine Aufbruch nach dem offiziell von Arger, dem Donarpriester verkündeten Beschluss über weitere Verhandlungen, verursachte ein leichtes Chaos. Die Männer riefen sich Abschiedsworte oder Grüße an Verwandte zu. Die unweit des Thingplatzes lagernden Knechte kamen hinzu und begannen, die Pflöcke aus Haselholz, die mit Seilen verbunden waren abzubauen. Dabei waren sie sorgfältig darauf bedacht, den heiligen Platz nicht zu betreten, dessen Zentrum eine uralte Eberesche bildete. Eine solche Entweihung hätte schwerste Strafen nach sich gezogen. Es war nur den freien Männern des Suardonenstammes gestattet, den Versammlungsort zu betreten.

Gerulf tätschelte nachdenklich den Hals seines Grauen, während er in Gedanken schon wieder zu Hause war. Sie hatten einen weiten Weg vor sich, den sie zum größten Teil in der Gesellschaft von Hagrik zurück legen würden. Erst an der Eberkopfschlucht würden sie sich vom Gefolge ihres Gaufürsten trennen und weiter zu Einars Hof reiten. Das Haus und die Felder, die von Einars Sippe bewirtschaftet wurden lagen abseits der anderen Gehöfte und Dörfer auf einer natürlichen Lichtung mitten im Wald.

Einar hatte einmal zu Gerulf gesagt, es wäre ihm lieber, wenn er nicht zu viele Menschen in seiner Nähe wüsste. Gerulf hatte seinen Onkel nach einem Grund für diese Einstellung gefragt, aber nur ein knappes Grinsen und ein Schulterzucken zur Antwort erhalten. Seitdem hatten sie das Thema nicht mehr angesprochen.

Einar war Oberhaupt seiner Sippe, aber kein Edeling. Seine niedere Geburt und die Tatsache, dass er bislang nur wenig Kriegsruhm erlangt hatte, waren der Grund dafür. Trotzdem war er einer von Hagriks treuesten Gefolgsleuten, auch wenn er ihm von der jährlichen Ernte Abgaben leisten musste. Im Laufe der Jahre war er mehr Bauer als Krieger geworden. Das blutige Handwerk hatte er dennoch nicht verlernt. Es gab öfter als ihm lieb sein konnte Gelegenheit, sich im Kampf zu beweisen. Vorrangig handelte es sich dabei jedoch um den Kampf gegen Bären und Wölfe, die in großer Zahl in den Wäldern lebten. Meistens hielten sie sich fern von den Menschen, doch es gab immer wieder einige, die sich ein ahnungsloses Lamm oder eine unbewachte Kuh holten. Und wenn sie dann einmal an die Nähe von Menschen gewöhnt waren, machten sie oft genug vor ihnen selbst nicht mehr Halt. Sobald ihnen erst einmal ein Kind oder ein einzelner Mann zum Opfer gefallen war, wurde es nötig, dass man das Tier erlegte, um den Verlust weiterer Menschenleben zu verhindern. Auch gab es immer wieder kleinere Streitigkeiten zwischen den verstreut lebenden Sippen, die sich zu blutigen Fehden auswachsen konnten. Es konnte nur allzu leicht geschehen, von der einen oder anderen Seite in die Auseinandersetzungen hinein gezogen zu werden. Das alles erforderte unaufhörliche Wachsamkeit und die ständige Kampfbereitschaft der Männer.

Von Einar hatte Gerulf auch die Kampfkunst erlernt. Seine eigene Familie war schon viele Jahre tot und Einar hatte ihn wie seinen eigenen Sohn aufgezogen. Hagriks umsichtiger Politik hatten sie es zu verdanken, dass sie nun schon seit vielen Jahren in relativem Frieden lebten. Größere Konflikte mit den Nachbarstämmen hatte er vermieden und in kleineren Streitigkeiten das Blutvergießen stets gering gehalten. Für ehrgeizige junge Krieger und beutehungrige Edelinge war das allerdings ein immerwährender Grund zur Unzufriedenheit, mit dem sich Hagrik herumschlagen musste. Dem Fürst war es jedoch bislang immer gelungen, die Hitzköpfe unter seinen Gefolgsleuten im Zaum zu halten.

Gerulf war sich nicht sicher, ob er die Friedlichkeit seines Fürsten gut heißen sollte. Einerseits, hatte der Krieg ihn und seinen jüngeren Bruder Gunnar, der ebenfalls bei Einar lebte, der Familie beraubt. Andererseits konnte es für ihn ohne Krieg auch keine Beute und damit kein höheres Ansehen geben. Nur wer sich im Kampf bewies, konnte auf Ehre und Ruhm hoffen. Seufzend betrachtete Gerulf Einars breiten Rücken, als der vor ihm her ritt.

Mit seinen Gedanken beschäftigt, hatte er nicht bemerkt, dass die auffällig geformte Felsformation, die der Eberschlucht ihren Namen gegeben hatte, bereits in Sichtweite war. Die Männer verabschiedeten sich von Hagrik. Nur noch zu dritt ritten sie weiter. Nur Bero, Einars alter Knecht, hatte sie zum Thing begleitet. Sowohl Gunnar, als auch Einars Söhne, Okke und Konrad waren noch zu jung. Im Sommer sollte Gunnars Kriegerweihe auf dem Neumondthing stattfinden. Bis dahin musste sich der kleine Hitzkopf noch gedulden.

Ein schwaches Lächeln streifte Gerulfs Gesicht als er an seinen Bruder dachte. Dessen flammend rotes Haar war ein äußerliches Zeichen, seines kaum zu zügelnden Temperaments. Während Gerulf meist ruhig und bedacht handelte, brachte sich Gunnar durch seine übermütige und leicht aufbrausende Art ständig in irgendwelche Schwierigkeiten. Wehmut verdrängte das Lächeln. Gunnar hatte der Verlust des Vaters schwerer getroffen als ihn. Einar, Vaters Bruder war von Anfang an besser mit Gerulf zurecht gekommen, da er bereits älter und verständiger war. Der jüngere Neffe wurde somit hauptsächlich von Berte, Einars Frau, aufgezogen. Bevor Gerulf selbst anfing, an Vaters Statt auf Gunnar einzuwirken, hatten sich bei ihm gewisse Verhaltensmuster eingeprägt, die Gerulf ihm weder mit Nachsicht noch Strenge wieder austreiben konnte.

Der Graue begann zu lahmen und fiel hinter die anderen zurück. Gerulf bemerkte erst nach einer Weile, dass die anderen einen großen Vorsprung gewonnen hatten. Im schwachen Licht der Dämmerung wirkten sie bereits schemenhaft. Mit einem Seufzer schwang er sich aus dem Sattel.

„Wartet auf mich! Mein Grauer hat etwas am Huf.“

Auf Gerulfs Ruf brachten Einar und Bero ihre Pferde zum Stehen und kamen dann langsam zurück getrabt. Währendessen untersuchte Gerulf den rechten Vorderhuf des Grauen, konnte aber in der zunehmenden Dunkelheit nichts erkennen.

„Ich brauche Licht.“, meinte er in Beros Richtung, als seine Begleiter ihn erreicht hatten.

„Es wird ohnehin Zeit, dass wir die Fackeln entzünden.“, stellte Einar fest.

Bero machte sich wortlos an die Arbeit und kurze Zeit später brannten drei helle Fackeln. Gerulf machte sich noch einmal über den Huf seines Grauen her.

„Ich weiß nicht, was er hat. Er lahmt mit diesem Bein, aber ich kann einfach keinen Dorn oder Stein entdecken.“ Ratlos sah er Einar an. Der bückte sich und begann nun seinerseits den Huf genau zu untersuchen. Aber erst Bero fand die Ursache für die Behinderung.

„Scheint, als hätte sich sein Gelenk entzündet. Der Gaul ist einfach schon zu alt.“ Die letzten Worte waren an Gerulf gerichtet, der das Tier schon seit Jahren besaß und es selbst nicht mehr ganz jung erworben hatte. Doch er hing an dem Grauen, der überaus geduldig und gehorsam war. Mit einem Achselzucken ging er über Bero’s Vorwurf hinweg.

„Kannst du etwas machen, dass er bis nach Hause kommt?“, wollte er stattdessen von ihm wissen.

Bero strich sich mit dem Handrücken über die Augen.

„Hier nicht. Ich fürchte, du wirst zu Fuß gehen müssen.“

„Das heißt, dass wir erst mitten in der Nacht zu Hause ankommen.“, stellte Einar sachlich fest.

„Wenn er dem Gaul nicht den Gnadentod gibt und bei einem von uns mitreitet ...“, ließ sich Bero vernehmen.

Gerulf wurde die Abfälligkeit mit welcher der Alte über sein Pferd sprach plötzlich zuviel.

„Nicht ich werde laufen, sondern du!“, gab er dem überraschten Knecht in warnendem Ton zurück. „Und du wirst den Grauen führen.“ Der Alte verzog das Gesicht und holte Luft zu einer Erwiderung. Angesichts Einars warnendem Kopfschütteln klappte er den Mund jedoch wieder zu und verkniff sich den Widerspruch. Offenbar war auch Einar der Meinung, dass es dem alten Sklaven nicht zustand, so mit dem Neffen seines Herrn zu sprechen.

„Natürlich, Herr.“, sagte er statt dessen mit leicht gesenktem Kopf.

 

Sie kamen nur noch sehr langsam voran, da sie sich dem Tempo des lahmenden Pferdes anpassen mussten. Doch sie kannten sich aus und die Fackeln erhellten den Weg. Ein gutes Maß an Vorsicht war dennoch geboten, denn der Wald hielt besonders in der Nacht viele Gefahren verborgen. So legten die Männer den Weg schweigend zurück. Und hörten den Schrei.

Alarmiert richtete Gerulf sich im Sattel auf. Auch Einar und Bero lauschten in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war. Es wiederholte sich nicht.

„Das war der Schrei eines Menschen.“, sagte Gerulf mit einem leichten Kratzen in der Stimme. Einar nickte zustimmend. Ohne ein weiteres Wort wendeten beide ihre Pferde und ritten ins Unterholz, langsamer gefolgt von Bero. Jetzt vernahmen sie auch das altbekannte Heulen. Die Wölfe waren sehr nah. Wen hatten sie als Beute ausersehen?

Das Rudel traf gleichzeitig mit den Männern am Grund der Senke ein. Gerulf nahm aus dem Augenwinkel war, wie sich eins der Raubtiere knurren von einer in den Büschen liegenden Gestalt löste. Einen Augenblick lang starrten die Gegner sich an. Dann riss Gerulf die Fackel nach vorn und sprang vom Pferd.

Uaah! Uaah! Weg da! Weg mit euch!“

Auch Einar begann die Tiere zu verscheuchen. Die Wölfe zögerten noch. Zahlenmäßig waren sie den Menschen überlegen. Doch das Feuer roch bedrohlich und war letztlich Grund genug zum Rückzug. In respektvollem Abstand zu dem lodernden Wesen trollten sie sich von der Lichtung. Der Wolf der dem Opfer am nächsten war, zögerte am längsten. Dann folgte er schwer hinkend dem Rudel. Mit einiger Beklemmung ging Gerulf zu dem reglosen Körper und kniete sich neben ihn. Ein prüfender Griff zum Hals des Mannes mit den kurzen blonden Haaren ließ ihn erleichtert aufatmen. Der Puls war stark, wenn auch etwas unregelmäßig. Er wandte den Kopf in Einars Richtung.

„Er lebt.“

Sein Onkel nickte und sah sich um, als er Schritte hörte.

Bero, halt die Augen offen, falls sie es sich anders überlegen und zurück kommen!“, empfing er den gerade eintreffenden Knecht. Dieser brummelte etwas Unverständliches vor sich hin, begann dann aber mit erhobener Fackel seinen Rundgang.

Gerulf hatte bereits mit einer eingehenderen Untersuchung begonnen. Einar leuchtete ihm mit seiner Fackel und betrachtete das blasse, zerkratzte Gesicht. Ein dunkel glänzendes Rinnsal Blut lief aus einer großen Platzwunde über der Stirn. Zunächst versuchte Gerulf festzustellen, welche Verletzungen der Unbekannte sonst noch hatte. Er fand jede Menge Prellungen und aufgeschürfte Haut. Das war nichts Bedrohliches. Viel schlimmer sah die Wunde am rechten Oberschenkel aus. Drei parallel verlaufende Risse, deren Tiefe mindestens zwei Finger breit war, bluteten stark. Sie stammten von den Krallen des Wolfes. Möglicherweise war eine größere Vene verletzt. Wenn sie nichts unternahmen, würde der Fremde verbluten.

„Ich muss das abbinden.“, sagte Gerulf und stand auf. Nach einigem Suchen brachte er ein Stück Leinen aus der Tasche zum Vorschein, die er bei dem Grauen gelassen hatte. Das Tier war sichtlich nervös. Vermutlich roch es noch die Wölfe, die sich in der Nähe hielten, in der Hoffnung, doch noch an die Beute zu gelangen.

Mit geübten Griffen riss Gerulf Streifen aus dem Stoff und band sie fest um den Oberschenkel des Mannes. Es musste reichen, bis sie den Hof erreichten.

„Seltsam.“, brummte Einar. „Ein Fremder mitten im Wald, nur in Hemd und Hose. Kein Mantel. Keine Waffen. Trüge er nicht den goldenen Halsreif, würde ich ihn für einen entlaufenen Sklaven halten.“

„Was auch immer. Wir müssen ihn trotzdem mitnehmen.“, entgegnete Gerulf. „Oder willst du ihn den Wölfen überlassen?“

„Natürlich nicht. Aber auf seine Erklärung bin ich gespannt, wenn er wieder zu sich kommt.“

„Im Moment ist es hilfreicher, wenn er noch bewusstlos bleibt. So lässt er sich leichter transportieren.“

Gerulf und Einar hoben den schlaffen Körper auf Einars Pferd. Es hätte Einar als Sippenoberhaupt zugestanden, auf Beros Pferd zu reiten, aber er entschied sich dagegen. Mit dem Verletzten und einem lahmenden Pferd würden sie ohnehin nur langsam voran kommen. Es würde wohl Mitternacht werden ehe sie zu Hause ankamen.

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