Indien 2000
Impressionen aus dem Jahre 2000
Der kleine Dicke, der uns durch ganz Indien begleitete, ist ein sympathisches Kerlchen. Zwischen ihm und uns gibt es sogar manche Ähnlichkeiten. Dies bezieht sich leider nicht auf seinen stattlichen Rüssel. Der Kleine, der für gewöhnlich auf einer Ratte daher geritten kommt, heißt Ganesha und ist der beliebteste Gott in Indien und war nicht etwa unser Reiseleiter. Ihn bittet man um das Gelingen aller Vorhaben. Wir wollen ihn nicht anbeten, obwohl es unser kleiner Bericht vielleicht bitter nötig hätte. Zum einen, weil wir von ihm zu weit weg sind (stimmt nicht, er steht seit Kurzem auf dem Fensterbrett des Wohnzimmers) und zum anderen, weil uns sowieso nichts heilig ist. Weder irgendein Gott noch irgendein Teufel. Am ehesten könnten wir uns noch vorstellen, einen knackigen Lingam anzuhimmeln. So weit die Vorrede.
Der Name unseres 2000er Ziellandes ist bereits gefallen: INDIEN.
Was sollen wir zu Indien sagen? Dieses große Land, das wir uns in den Träumen märchenhaft ausgemalt hatten, erfüllt keine gestellten Erwartungen. Egal, was du dir vorgestellt hast: Indien ist anders! Ob du zu Fuß, mit dem Auto, der Bahn oder dem Flugzeug unterwegs bist, du wirst nie das vorfinden, was du erwartest. Außer du warst schon einmal dort. Indien ist einfach großartig und zum kotzen. Einen Teil dieses Landes haben wir also bereist. Haben viel gehört, viel gerochen und viel gesehen. Das meiste allerdings von oben, aus dem Flugzeug heraus. Und schon da machte es einen seltsamen Eindruck. Alles ist ganz deutlich in Kasten aufgeteilt, deren Grenzen kein Inder so leicht überspringen kann, wenn er sich da unten auf dem Boden befindet. Bei seiner Geburt fällt er in eine hinein und kommt lebenslang nicht wieder aus ihr heraus. Erst der kleine Stapel Holz, der ausreicht ihn zu verbrennen, bildet sozusagen das Trittbrett für ihn. Um jede Kaste ist ein dickes Seil gespannt, das schnurgerade ins mystische Zentrum des Landes führt. Dort steht im Verborgenen ein gigantischer Lingam, an dem sie alle festgezurrt sind.
Haben wir eigentlich den lieben Ganesha schon erwähnt?
Unsere Pilgerfahrt zu den Schätzen Indiens begann in Delhi. Nachdem wir in der Vormittagshitze die vielen braunen Stufen zum Eingang der Freitagsmoschee erklommen hatten, zogen wir das erste mal vor einer Besichtigung unsere Straßenschuhe aus und sogenannte Tempelschuhe an, die freundlicherweise vom indischen Reiseveranstalter zur Verfügung gestellt worden waren. Sie waren aus Baumwollstoff, zusammenklappbar und himmelblau. Dieser streng überwachte und somit nicht zu umgehende Vorgang sollte sich während der Reise noch oft wiederholen. Wir können künftigen Indienreisenden nur wärmstens empfehlen, sämtliches Schuhwerk in Deutschland zu lassen und somit kostbares Gepäckgewicht zu sparen. Statt dessen sollte eine Flasche Desinfektionswhiskey mehr eingepackt werden. Wir wollen niemandem Angst einjagen, aber so mancher unserer Reisegruppe litt seit dem dritten Tag bis zum Ende der Reise unter einem gewissen Leiden, welches sich durch Blässe und häufige Abwesenheit des Betroffenen auszeichnet. Eine mitreisende Apothekerin verabreichte Pillen bis zum Abwinken. Alles ohne Erfolg. Nur mit Nebenwirkungen. Und ganz nebenbei, die Idee ist gar nicht so schlecht. Dass mit dem Schuhe ausziehen! Als ABM würde das hierzulande wie eine Geldbombe einschlagen. Das Beaufsichtigen der Schuhe könnte von mindestens 3 bis 4 Mann durchgeführt werden und wäre selbstverständlich kostenpflichtig. Vor jeder Behörde, vor jedem Amt. Und es gibt eine Menge davon auch in deutschen Landen. Hier eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Wir brauchen nicht die bunten Spezialisten aus fernen Ländern, die hier bei schlechtem Essen frierend um ihr Leben bangen müssten. Allein deren Ideen umzusetzen reicht schon aus.
Im fußballfeldgroßen Innenhof dieser drittgrößten Moschee der Welt sieht man auch vereinzelt Menschen, die zum Gebet hierher gekommen sind. Hauptsächlicher Zweck scheint uns jedoch die Fütterung der unzähligen Tauben zu sein. Während dir auf den Treppenstufen Menschen, denen die Sonne durch die Rippen scheint, leere Blechdosen entgegenstrecken, wird oben im Hof zentnerweise Getreide verstreut. Wir standen noch vor der Hauptmoschee, mitten in der Sonne, und lauschten den Ausführungen unserer Reiseleiterin, als sich plötzlich ein barfüßiger Knabe vom Rande des Wasserbeckens erhob und auf uns zu geschlendert kam. Bekleidet war er mit einem fast knöchellangen Hemd von eben solcher himmelblauen Farbe, wie unsere Tempelschuhe, die unter den Einheimischen allgemeine Belustigung ausgelöst hatten. Er lächelte und hatte keine Hemmungen uns anzusprechen. Es sah gut aus, wenn der Wind mit seinem Hemd spielte und wir dachten froh gelaunt und optimistisch, dass Indien ein verheißungsvolles und sehr schönes Land ist. Anschließend musste uns eine bedauernswerte Handvoll Kerl mit einer Fahrradrikscha durch den Chandini Chowk Markt zum Roten Fort kutschieren. Wir hätten ihm und uns die Anstrengung gern erspart aber laut TUI war dies der Höhepunkt des Tages.
Schon in der Schule haben wir gehört, dass irgendwo in Indien eine eiserne Säule herumstehen soll, die wer weiß wie alt ist und noch immer nicht rostet. Sie stammt aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert und ist im Innenhof des Out Minar Komplexes aufgestellt. Das sie nicht rostet bedeutet keineswegs, dass sie glatt und schier aussieht. Sie misst in der Höhe mehr als sieben Meter und im Durchmesser 37 cm. Wer sie rückwärts umfassen kann, heißt es im Volksglauben, hat Glück. Und um dies zu unterbinden, wurde sie mit einem stabilen Eisengitter eingezäunt. Zum Schluss des Tages wurde uns in der Parlamentsgegend demonstriert, wie schmuck und adrett sich Indien machen kann, wenn hoher Besuch erwartet wird. Natürlich waren damit nicht wir gemeint. Vor drei Tagen war Bill Clinton hier durchgekommen. Auf seine Spuren sollten wir noch öfter treffen.
Am 3. Tag der erste Inlandsflug. Was anfangs noch belustigend wirkte, wurde nach und nach, das heißt von Flug zu Flug nervender: die immer einem anderen Muster folgenden Kontrollen auf den Flughäfen. Die Koffer wurden versiegelt und verplombt, das Handgepäck bekam kleine Anhänger mit Stempel und Unterschrift, nachdem sie gründlich von allen Seiten durchleuchtet wurden. Die Jacke, die du vielleicht über dem Arm trägst, während du in der Kabine stehst, wird genauso akribisch untersucht wie die Mütze, die du gegen die erbarmungslose Sonne brauchst, und das eingeschweißte Erfrischungstuch, welches du vom vorherigen Flug noch bei dir hast. Allein das handfeste Abtasten deines Körpers war noch hinnehmbar. Wenn der gestrenge Wachmann sich langsam vom Knöchel aufwärts tastet, tritt dir in der stickigen Kabine der Schweiß auf die Stirn und du hoffst, dass er sie nicht findet. Denn besonders gerne wurde nach solchen gefährlichen Dingen gefahndet, die die nationale Flugsicherheit gefährden, wie kleine Taschenmesser und Batterien für Fotoapparate. Danach wurde man bis zum Abflug in einer unbequemen Halle unter Verschluss genommen. Nach dem Aufruf des Fluges ging es meist zu Fuß zur Gangway, wo das Handgepäck nochmals gründlichst untersucht wurde, um sicherzugehen, dass wir auf dem Rollfeld nicht irgendwelche Gegenstände aufgesammelt hatten. Von einer erneuten Leibesvisitation sah man im Lichte der Öffentlichkeit ab.
Dann lernten wir, dass nicht nur Kalkutta am Ganges liegt, sondern beispielsweise auch Varanasi, unser Ziel. In Sarnath besuchten wir die Stätte, wo Buddha angeblich seine erste Predigt gehalten haben soll. Ein Muss für jeden gläubigen Buddhisten. Leider auch für jeden ungläubigen Touristen. Ob das mit der ersten Predigt überhaupt stimmt, ist so eine Sache, denn solche Orte haben wir auch schon in Sri Lanka und in Thailand gesehen.
Zwischen diesem Ausflug und unserem Abendessen im ersten Hotel von Varanasi (dem ersten Hotel, auf das wir stießen) blieb genügend Zeit, ein paar Schritte auf die Straße zu wagen. Um nicht im Abendtrubel unterzugehen, setzten wir uns neben einen kleinen Laden auf den erhöhten Bürgersteig und beobachteten das bunte Treiben. Auf der Straße näherten sich vier Männer. Sie trugen auf ihrer Schulter eine mit gelben Blumen beladene Tragbare aus rohem Holz. Durch die Blüten schaute eine Oma auf uns nieder. Sie lächelte stumm und friedlich. Die Männer eilten mit ihr vorbei in Richtung Fluss.
Am frühen Morgen des vierten Tages dann, im Morgendunst träge dahin fließend, breit und undurchdringlich, im Lichte der aufgehenden Sonne rot schimmernd: der heilige Ganges. Mit dem Boot fuhren wir unweit des Ufers stromaufwärts, wo sich ein Bade-Ghat ans andere reiht, zwanzig an der Zahl. Immer von mehreren Jungs verfolgt, die sich die Seele aus dem Leib ruderten, um uns ein paar schlecht gedruckte Ansichtskarten oder irgendwelche anderen Kinkerlitzchen zu verkaufen. Auf den Stufen ruhen die Alten, die von überall hierher gekommen waren, um zu sterben. Unten nahmen die ersten Gläubigen ein rituelles Bad. Sie schütteten sich mit einer Schale das Gangeswasser über den nackten Körper oder tauchten gänzlich in ihm unter und schienen für immer verschwunden. Dieses Ritual von klein auf betrieben, ist wirkungsvoller als alle unsere teuren Schutzimpfungen zusammengenommen. Vorbei an den alten Verbrennungsplätzen, wo noch die Oma vom Vorabend auf der Glut vor sich hinglimmte und feine Rauchschleier in den Himmel sandte. Verlassene Paläste, in denen jetzt Pilger Unterschlupf finden, und bunte Farben spiegelten sich im Wasser. Pausenlos wurde trockenes Holz herangekarrt und fürs nächste Leichenfeuer teuer verkauft. Das neue Krematorium schaute verlassen zu. Auf einem Ghat wurden neben den Betenden Kuhfladen in der Sonne getrocknet, ein begehrtes Brennmaterial, das morgens und abends einen typischen Geruch über Städte und Dörfer legt. Wir stiegen die Stufen eines Ghats empor, wieder vorbei an Blechnäpfen, die uns entgegengehalten wurden und die wir nicht bemerkten. In den Straßen brodelt jetzt die Morgenhektik. Unter einem großen Schirm in der Kreuzungsmitte, wo auch schon mal ein Verkehrspolizist gestanden haben mag, hatte ein schwarzes Buckelrind und zwei Hunde vor der Sonne Schutz gesucht. Es war ein Ochse. Ihm fehlte der halbe Schwanz. Das untere Ende. So viel zur Heiligkeit der Kühe. Den Indern ist im Gegensatz zu uns sehr vieles heilig. Aber nichts ist dem Manne so heilig wie sein Schnurrbart! Nimmst du ihm den Bart, nimmst du im gleichsam das Leben, denn nur in seinem Bart ist der Sitz seiner ganzen Männlichkeit. Für uns schwer nachzuvollziehen. Man sieht zwar im ganzen Lande die Herren und Knaben sich immer wieder an den eigentlichen Platz des männlichen Geschlechtes fassen, aber immer mit derselben deprimierenden Feststellung: da ist nichts und da war nichts, was sich lohnt. Und wir dachten dann, so schön ist Indien nun auch wieder nicht. Für uns ist wie gesagt kaum etwas heilig. Ausgenommen vielleicht ein riesiger Lingam, aus dem unablässig Milch und Honig fließen.
Der fünfte Tag sollte ganz im Zeichen der Tempel von Khajuraho stehen. Bei der Planung der Reise hatten wir darauf geachtet, dass der Besuch dieses riesigen Tempelkomplexes in der Rundreise enthalten ist. Sollten doch die Tempel über und über mit den frivolsten Darstellungen geschmückt sein, bei dem kein Thema ausgelassen sei. Wir verließen vormittags das Hotel und fuhren zum Flughafen, wo uns nach langem Warten die schon bekannte Durchsuchungszeremonie wieder aufmunterte. Diesmal dauerte es nur ein wenig länger. Schon das Besorgen der Gepäckanhänger durch die Reiseleiterin nahm außergewöhnlich viel Zeit in Anspruch. Aber dann sollte es endlich losgehen. Wir hatten alle Hürden überwunden, unsere Koffer waren eingecheckt und verladen, alle anderen Passagiere waren bereits aufgerufen und eingestiegen, nur wir durften die letzte Halle nicht verlassen. Der Abflugtermin war längst weit überschritten, aber das alleine reichte natürlich nicht als Anlass für Panik. Es war die Verquickung aller Umstände. Die Reiseleiterin war spurlos verschwunden und einer der Touristen wollte den vielen unverständlichen Durchsagen entnommen haben, dass es keinen Flug nach Khajuraho gebe. Was, das konnte doch gar nicht sein! Unsere Koffer waren doch bereits in der Maschine. Aber es war wirklich so. Nach langem hin und her und lautstarken Auseinandersetzungen mit dem Personal, wobei einer nicht den anderen verstand, stellte sich heraus, dass der Flugkapitän beschlossen hatte, nicht nach Khajuraho zu fliegen. Es lohne nicht. Und wann der nächste Flieger flöge, sei ungewiss. Es half alles nichts. Hier schien sich jeder Pilot seinen eigenen Flugplan zu basteln. Die Reiseleiterin tauchte wieder auf, unsere Koffer auch. Letzteres war ein Glücksfall. Dass nun aber der ganze Durchsuchungsfilm rückwärts abgespult wurde, weniger. Es konnte zwar auf eine andere Fluggesellschaft umgebucht werden, aber erst für den nächsten Tag. Warten auf einen Bus. Zurück ins Hotel. Der Tag war gelaufen!
Am nächsten Tag die gleiche Prozedur. Wir fühlten uns alle wie Miss Sofie. Mit dem Unterschied, dass wir tatsächlich flogen. Indien ist greulich. Aber dieses Abenteuer machte uns nur noch neugieriger. Deshalb hielten wir die Augen offen, die Kameras schussbereit und waren begierig zu staunen. Hier wurden vor eintausend Jahren 85 außergewöhnliche Tempel erbaut, von denen jeder einzelne die symbolische Nachbildung des Weltenberges Mehru im Himalaja ist. Von 25 Bauten sind noch die Reste zu bewundern und die sind wirklich beeindruckend. Über und über mit Tausenden Skulpturen und Ornamenten ausgestattet bleiben sie für immer im Gedächtnis. Was nun die Erotik betrifft, waren wir nicht direkt enttäuscht, aber sie macht nur ca. 5 % aller Skulpturen aus. Sie wird zwar an hervorragender Stelle präsentiert und ist darum augenfällig, macht aber doch nur einen verschwindend geringen Anteil aus. Nichtsdestoweniger ist der Gesamteindruck überwältigend. Der örtliche Fremdenführer meinte, im Ausland werde bewusst ein falscher Eindruck erweckt und fast ausschließlich mit Abbildungen erotischer Skulpturen für den Tempel geworben, weil man damit um so sicherer mit Besucher rechnen kann. Ob auch das deutsche Filmteam diesen Eindruck erwecken wird, das wir bei den Aufnahmen störten? Bummelt man in Ruhe um die Tempel, findet man nur Augenschmaus, kunstfertig in Stein gemeißelt. Ob nun erotisch oder nicht. Götter, Dämonen, einfaches Volk, sich verrenkende Weiber. Und die Kerle ausschließlich mit armlangen Schwänzen. Das ist übertrieben, zugegeben, aber Unterarm stimmt. Jedes Volk hat eben seine eigene Art und Weise seinen Wünschen und Träumen Gestalt zu geben. Dass die Bildhauer nicht auch kleinere hätten meißeln können, steht außer Frage. Den Reiter, der sein Pferd von hinten besteigen wollte und wegen seines großen Prügels versehentlich stecken geblieben war, haben wir nur nebenbei bemerkt.
Danach ein kurzer Abstecher zu einem Jain Tempel. Auf der Fahrt dahin entstand plötzlich Tumult im Bus. Auf der Straße war uns ein Zug luftbekleideter Jünger entgegengekommen. Der Bus hielt und ausnahmslos alle Frauen stürmten an die rechten Fenster, ohne auf uns auch nur die geringste Rücksicht zu nehmen. Vielleicht hätten auch wir gerne etwas von der wilden Natur sehen wollen! Nachdem sie das Blitzlichtgewitter freudestrahlend abgewartet hatten, zogen sie mit Getöse und unter Begleitung etlicher Anhänger von dannen.
Abends gab es klassische Tänze und Gesänge. Und zwar im gleichen Gebäude, wo wir zuvor indische Handwerkskunst bewundern und, was eigentlich beabsichtigt war, kaufen konnten. Leder, Steine, Teppiche, man kennt das ja schon. Mit den Tänzen war es ähnlich. Die Frauen hüpften über die Bühne, wobei sie einen leeren Wasserkrug auf dem Kopf balancierten, auf dem ein grüner Papagei aus Pappmaschee saß. Die Männer warfen sich mal hierhin und mal dahin. Alle rissen sie die Augen auf, dass es schmerzte, und steckten sich gegenseitig die rot gefärbte Zunge raus. Es war grausig. Aber die Musik dazu war himmlisch. Ein bärtiger Mann (wie konnte es auch anders sein) sang mit geschlossenen Augen und eine junge Frau mit einem blauen Sari (Tempelschuhe). Ihr hätten wir noch stundenlang zuhören mögen. Friedel liebt indische Musik und dann noch ihre göttlich Stimme dazu. Das war übrigens das einzige Mal, wo wir in Indien indische Musik zu hören bekamen! Danach erst wieder zu Hause in Deutschland.
160 km entfernt von Khajuraho liegt Orchha, ein kleines Nest, wo wir auf dem Weg nach Jhansi Rast machten. Hier bewässert ein Fluss namens Betwa die Gegend. Sein Wasser umspült ein altes Inselfort und an seinem Ufer stehen fünfzehn Denkmäler für die einstigen Herrscher von Orchha. Hier überraschte Friedel zwei Jünglinge beim Baden am Kanadiane Gath. Als sich die beiden Knaben zusammen mit ihren Sachen in die höher gelegenen unbeachteten Ruinen zurückgezogen hatten, durfte er sie unter einem Torbogen beim Ankleiden fotografieren. Ohne dafür bezahlen zu müssen. Da war Indien wieder in Ordnung. Auch im Fort von Orchha wurde uns das Desaster Indiens bezüglich seiner Denkmäler sichtbar: durch keine Flickschusterei aufhaltbarer Verfall. Indien, das Land der enteigneten Maharajas und zerfallender Paläste. Einen Vorgeschmack hatten wir ja bereits in Varanasi erhalten. So wie über dem Fort von Orchha die Geier kreisen und oben, auf zerbröckelnden Zinnen ihre Nester bauen, so ziehen sie über ganz Indien ihre Kreise. Außer über Bangalore, wo sich die Computerspezialisten eingenistet haben.
Vor dem Bahnhof von Jhansi erwartete eine Schar von Gepäckträgern unsere Ankunft. Unsereiner hat schon Mühe mit einem Koffer, aber unter ihnen gab es Männer, die sich davon gleich drei übereinander auf dem Kopf luden. So groß war der Hunger ihrer Familien! Oder hatten sie lediglich eine Wirbelsäule aus besagtem rostfreien Eisen? Auf dem Bahnsteig tummelten sich andere Reisende, Händler mit ihren fahrbaren Garküchen, Hunde, Kühe und zwischen den Gleisen eine indische Ratte, die einzige übrigens, die wir in ganz Indien gesehen haben. Dann schaukelte uns der Zug durch die Dunkelheit nach Agra zum Taj Mahal.
Die weitläufige Anlage dieses einfachen Grabmals, war nach Khajuraho die zweite touristische Attraktion, die sauber und gepflegt war und sich in einem guten bis sehr guten Zustand befand. Damit wollen wir andeuten, dass dies nicht der Regelfall ist. Es mag auch damit zusammenhängen, dass Bill Clinton auch hier eine Vorführung bekam. Wir vermuten mal, dass es so war, denn in den lang gestreckten Becken, die aufs Taj Mahal zulaufen, befanden sich noch Reste des Wassers, mit dem die Fontänen zu seinem Besuch gespeist wurden. Alle Becken, die abseits liegen, waren trocken und machten nicht den Eindruck, als wenn überhaupt jemals wieder Wasser in ihre Nähe kommen würde. Die Regenzeit natürlich ausgenommen, da gibt es dann Wasser bis zum überlaufen. Wie gesagt, Wasser war noch drin, aber die Fontänen hatte man unseretwegen nicht extra aufgedreht. Von weitem sieht das Taj Mahal aus wie auf den Postkarten: eine große abgepellte Zwiebel auf einem Stövchen, flankiert von vier 42 m hohen Salzstreuern. Alles ein bisschen milchig, selbst der Himmel. Oben kreisten wieder die Geier, die uns in der Hoffnung bis hierher gefolgt waren, dass einer von uns oder den Wasserbüffeln, die den seichten Yamuna-Fluß durchwateten, umkippen würde. Friedel zog vor der unübertrefflichen Kunst der Steinmetze den Hut und stand mit seiner blanken Glatze in der prallen Sonne. Das einzig pralle in Indien. Das muss mal ganz deutlich gesagt werden, was die Kaste der Steinmetze im alten Indien vollbracht hatte, gleicht einem Wunder. Die müssen ein Schweinegeld damit gemacht haben. Wer ein Auge dafür hat, kann sich überall sattsehen. Als wir zur vereinbarten Zeit zum Ausgang eilten, beobachteten wir sogar einen bei der Arbeit. Er behaute rote Sandsteinplatten, die irgendwo als Wandverkleidung dienen sollen. Er sah auch so aus, als würde er ein Schweinegeld mit seiner Arbeit verdienen. Es sollen an die 15000 Leute mit dem Unterhalt dieser Anlage beschäftigt sein. Die meisten natürlich im Verborgenen.
Auch in Agra gibt es ein rotes Fort, das wir besichtigt haben. Soweit man uns gelassen hat, versteht sich. In vielen Forts sitzt heute die indische Armee. Das Rot haben die meisten Forts, Paläste, Datschen usw. vom roten Sandstein, der in Massen billiger zu haben war. Aber das wissen wir ja bereits. Im Innern wurde auch sehr gerne auf Marmor zurückgegriffen, der mit sehr viel Raffinesse verarbeitet wurde. Überhaupt haben die alten Baumeister sehr clevere Ideen gehabt, wie man mit Hilfe des Wassers in den Palästen angenehme Temperaturen erreichte. Heute muss man selbstverständlich mit dem kostbaren Nass sparsam umgehen, ein weiterer Grund, weshalb man im Innern auf jegliche Säuberung der Gebäude verzichtet. Außen tut es ja sowieso der Monsun.
Als wir am siebten Tag nach Jaipur fuhren, zog eine Menge Volk übers Land. Teils auf Ochsen- oder Eselkarren, aber meist zu Fuß: Menschen jeden Alters und Geschlechtes. Reife Männer und Halbwüchsige schwenkten Hakenkreuzfahnen, der Rest war bunt behängt wie Pfingstochsen. Was sich hier zusammengerottet hatte, waren keine deutschen Alt- oder indische Neunazis, sondern gut gelaunte Pilger auf dem Weg zu einem Wallfahrtsort. Hier und da lagerten kleinere Gruppen im Schatten und zwischen den gefallenen Rindern am Straßenrand und verzehrten, was sie selber auf dem Rücken mitgeschleppt hatten. Was passiert eigentlich mit den vielen heiligen Kühen am Ende? Immer wieder hatten wir uns das gefragt, aber niemand wollte oder konnte uns eine befriedigende Antwort darauf geben. Was mit denen passiert, die leichtsinnigerweise die Straße überqueren, war ganz offensichtlich, wenn man eine Weile den Straßengraben beobachtete. Dass auch diejenigen am Ende gefressen werden, die lebenslang Milch und Brennmaterial für den häuslichen Herd ausgeschieden haben, wollte man nicht zugeben. Besonders gefährlich wird die Sache dann, wenn die Viecher nachts auf der Straße herumlungern. Unser Bus erlebte einen riskanten Beinahezusammenstoß mit einem unbeleuchteten Kamel, das einen Karren mit Brennholz durch die Finsternis zog. Wir wurden durch das plötzliche Bremsen und dem Gepäck im Genick munter. Alle Kamele kamen noch einmal mit dem Schrecken davon. Wo das war, lässt sich nicht mehr sagen.
Nach einer Stunde Busfahrt stießen wir auf eine verlassene Stadt: Fatehpur Sikri, schönstes Beispiel von Verschwendungssucht und Größenwahn. 1572 ließ ein Mogulkaiser den Bau dieser prächtigen Stadt beginnen, doch schon 1590 war sie eine tote Stadt. Es gab nämlich kein Wasser. Auf die Pleite mit dem Wasser stößt man überall in Indien. Da wurden Paläste und ganze Städte in die Wüstenei geklotzt und wenn dann die mitgebrachte Kanne Wasser leer war, zog man weiter. Heute dient sie unzähligen Bienenvölkern und Bauchladen tragenden Geiern als Unterschlupf. Hierher sollte sich kein Tourist verirren. Wenn er nur eine halbe Stunde Zeit zur Verfügung hat. Die arme Landbevölkerung hält noch heute das Vorbild der alten Baukunst in Ehren und errichtet danach ihre Hütten. Dachten wir. Es waren aber nicht ihre Hütten, die mit bizarren Mustern versehen zahlreich am Wege standen, sondern aus Kuhfladen aufgeschichtete Türme, die in der Sonne vor sich hintrockneten.
Von Jaipur aus machten wir am achten Tag einen Abstecher nach Amber. Ich dachte immer, das hätte etwas mit meinem Computerspiel gleichen Namens zu tun, konnte aber keine Gemeinsamkeiten feststellen. Amber: wieder ein Fort, wieder gewaltig, wieder bröckelt es, wieder rot. Man kann dem Reiseveranstalter aber nicht vorwerfen, er hätte nicht für Abwechslung gesorgt. Hier bestand sie im Elefantenritt hoch auf dem Berg rauf. Nur rauf! Ich weiß nicht, für wieviele Personen das Tier zugelassen war, auf dem wir saßen. Für meinen Geschmack waren aber vier entschieden zu viele. Zu mindestens mit dem Bauchumfang. Den der beiden anderen Herren natürlich, mit denen wir Rücken an Rücken das Tier teilen mussten. Zwar gab es am Sitzgestell eine Art Absperrung oder Sicherheitsbügel wie beim Karussell, aber Friedel lief dauernd Gefahr darunter hinweg zu rutschen. Es ist nicht sicher, ob er in der engen Gasse und bei dem starken Elefantenverkehr mit dem Leben davon gekommen wäre.
Wir wollen aber nicht verschweigen, dass es im Festungsinnern doch ziemlich bunt ist. Einige Fassaden bestechen durch üppige Blumenornamente, lange Mauern hingegen durch aquarellartige Landkarten bisher ungesehenen Ausmaßes, die der Verputz mit den Jahren ausgeschwitzt hatte. Hier bat Friedel vier Turbane für ein Foto zu lächeln, was sie sehr gerne taten: ein kleiner schwarzer, ein großer orangefarbener, ein kleiner olivgrüner, und ein großer brauner. Die kleinen waren noch gänzlich bartlos.
Der Maharaja von Jaipur hatte uns exklusiv zum Mittagessen in seinen Stadtpalast eingeladen. Wir erwähnen das nur nebenbei, denn eigentlich braucht das niemand zu wissen. Schließlich wusste er es auch nicht. Hätte er es gewusst, wäre das Essen vielleicht fürstlicher ausgefallen. In den Hotels haben wir jedenfalls besser gespeist und die Teppiche waren auch heiler. Dass die Gebäude rot angepinselt sind, ist wohl logisch. Das Rot muss im Angebot gewesen sein. Beeindruckend waren die beiden übermannshohen Silbergefäße, die im Innenhof aufgestellt und zu besichtigen sind. Hier schien doch geputzt zu werden, denn sie glänzten wie neu. Bewacht werden sie nicht, denn jedes wiegt 300 kg. Aussehen tun sie wie überdimensionale Äpfel mit Henkel und Deckel. König Madho Singh II nahm darin 1799 heiliges Gangeswasser auf seiner Reise nach England mit. Dass er darin auf der Rückfahrt schottischen Whiskey an den eigenen Grenzposten vorbei schmuggelte, ist nicht verbürgt. Aber ist wohl wahr! Von einer Terrasse aus sahen wir in der Ferne den Palast der Winde in der Sonne leuchten. Und wie kann es anders sein als in rot! Wer kennt ihn nicht, den Palast der Winde! Zumindest dem Namen nach. Gab es da nicht einen Roman und einen Märchenfilm? Und genau diesen Palast sollten wir am nächsten Tag, wenn es mit dem Bus nach Pushkar gehe, sehen. Der Bus hielt auch wie versprochen in der Straße davor und die Reiseleiterin sagte: 2 Minuten für ein Foto. Wir stürmten aus dem Bus, denn die Zeit rannte. Die zerlumpten Frauen beiseite schubsend, die uns ihre nackten und weinenden Kinder entgegen hielten, bahnten wir uns einen Weg, um zu unseren Fotos zu kommen. Da stand er also, der Palast der Winde: eine rote Mauer mit ein paar Fenstern drin, das war alles! Na ja, die Fassade war immerhin 5 Stockwerke hoch und Fenster sollen es 900 sein, die wie Schwalbennester an der Mauer kleben. Als es sich ausgeklickt hatte und wir wieder in den Bus steigen wollten, hatten sich die zerlumpten Frauen und schreienden Kinder auf annähernd die gleiche Anzahl erhöht.
Weiter ging es. Der Bus hupte sich durch den Stadtverkehr und übers Land. Zuerst dachte Friedel, die Inder hätten vor den Touristen etwas zu verbergen, weil in den Fenstern der Busse genau in Augenhöhe ein 7 cm breiter schwarzer Balken verlief. Wollte man nach draußen sehen, musste man mit den Knien unter den Sitz des Vordermannes rutschen, was natürlich äußerst unbequem war. Zumal man sich dauernd die Knie stieß. Erst als Friedel frustriert darauf verzichtete, sich die exotische Kuhfladenlandschaft anzusehen und sich aufrecht in den Sitz setzte, bemerkte er den eigentlichen Sinn des schwarzen Balkens. Das Zusammenspiel der ausgezeichneten Sitzfederung mit den Schlaglöchern in der Straße erwirkte nämlich, dass er sich bei jedem Luftsprung am Ventilator den Schädel einrammte, der praktischerweise genau über dem Kopf angebracht war.
In Pushkar übernachteten wir nur, weil es eben auf dem Weg nach Jodhpur und Rohet liegt, ansonsten ist es nicht der Rede wert, außer das es hier den einzigen Hotelboy während der ganzen Reise gab, der echtes Interesse bekundete. So schlecht ist Indien gar nicht. Außerdem soll Pushkar am Rande der Wüste Thar liegen. Um sie uns genauer anzusehen, sind wir mühsam einen Berg hinauf gestiegen. Von der Wüste war aber weit und breit nichts zu sehen.
Wir trauen uns gar nicht fortzufahren, denn auch in Jodhpur gibt es wieder ein Fort zu besichtigen. In Rot, natürlich! Auf einem Felsplateau über der Stadt gelegen. Ähnlich wie in Europa hat hier jeder, der was auf sich hielt, seine Festung gebaut. Heute hier und, weil man nicht genug Wasser dabei hatte, morgen dort. Aber groß und wuchtig musste es sein und nicht solche Kleckerburgen wie über dem Rhein! Meisterliche Architektur. Nach außen uneinnehmbar und nach innen zierlich und grazil. Die Fensterfassaden gleichen in Stein gehauenen Spitzendeckchen. Von den luftigen Mauern schaut man auf die Stadt hinunter, die, man traut den Augen kaum, mal ganz in himmelblau gehalten ist. Ähnlich unseren Tempelschuhen. Im Museum lässt sich unter anderem an den ausgestellten Sänften die einstige Pracht und Herrlichkeit erahnen. Von den wundersamen Miniaturen in den Vitrinen wissen wir nur vom Hörensagen, denn wir hatten leider keine Taschenlampen dabei. Vor sehr, sehr vielen Jahren war sogar Jackie Kennedy hier. Steht jedenfalls auf den Eintrittskarten. Schade, dass man seither kein einziges Mal Staub gewischt hat.
Wir hatten bereits den 11. Tag und sind auf dem Weg nach Ranakpur und Udaipur. Das ...pur am Ende vieler Städtenamen steht übrigens für die Höhe des Einkommens ihrer arbeitenden Bevölkerung. Die nennen sich dann auch meist alle ‚poor man', wenn sie sich einem Touristen nähern.
Der arme Bus quälte sich Kilometer für Kilometer höher durch das Aravali Range, bis er endlich hinter einer Passhöhe hielt. Das reife Getreide stand noch auf den kleinen Feldern, die mit einem flachen Erdwall eingefasst sind. Davor trotteten zwei Ochsen widerwillig im Kreis herum. Sie trieben eine vorsintflutliche, aber effektive Konstruktion an, mit der das Wasser für die Felder aus der Tiefe ans Tageslicht gebracht wird. Über ein großes Rad laufen aneinandergereihte Tonkrüge und schütten das kühle Nass in eine Rinne, von wo aus es auf die verschiedenen Felder geleitet wird. Das ist Romantik pur, sagte der Bauer und wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Selbst hier oben war es jetzt reichlich heiß. An einer anderen Stelle werden zwei Ochsen dazu benutzt, einen hölzernen Hakenpflug durch den Boden zu ziehen. Die Frauen unserer Gruppe, die weniger Interesse an historischen Feldbautechniken hatten, teilten unterdessen die in diversen Hotels eingesammelten Miniseifen und Shampoos an die dankbaren Landfrauen aus und ließen die Kinder sich wie wilde Tiere auf die ausgestreuten Bonbons werfen.
Wie in ganz Indien stehen auch hier zwischen den Feldern merkwürdig aussehende Bäume ohne Zweige. Nur an den Enden der wenigen dickeren Äste war etwas grünes Blattwerk zu sehen. Ansonsten war der Stamm vollkommen kahl. Die Leute halten es ähnlich wie bei uns Zuhause, wo die Weiden gekröpft werden, um Feuerholz zu gewinnen. Sie lassen dem Baum gerade so viel Grün, wie er zum Überleben braucht.
Im Jaintempel in Ranakpur wollten wir eigentlich die 1444 Säulen nachzählen, die darin verbaut sein sollen. Da aber zwischen unserer Reiseleiterin und dem Eintrittskartenverkäufer eine gewisse Diskrepanz über die Öffnungszeiten des Tempels für Ungläubige herrschte, reichte nachher die Zeit nicht mehr aus. Nur hier und da ein flüchtiger Blick auf den weißen Marmor, die aufdringlichen Mönche abgewehrt und schon ging es weiter. Keine Muße für ein stilles Gebet. Wenn wir uns recht besinnen, haben wir auch gar keinen Lingam gesehen. Oder doch? Saß nicht einer der Mönch auf einem? Ach nein.
Udaipur diente uns als Übernachtungsort und Startpunkt für den Flug nach Aurangabad. Die Zeit für eine Bootspartie auf dem Pichola-See blieb uns aber. In ihm spiegelten sich nicht nur die umliegenden Bergketten, sondern auch der Stadtpalast mit der stattlichen Länge von 500 m. Wie fast überall sind auch hier die zwei Inseln im See mit Palastanlagen bebaut. Den Jag Mandir Palast durften wir betreten. Er ist nur noch von Kormoranen und Reihern bewohnt. Den anderen, heute das Lake Palace Hotel, eine der teuersten Luxusherbergen der Welt, durften wir natürlich nur in gebührendem Abstand umschippern. Wir hätten sowieso nicht gewollt. Er ist gänzlich weiß und wir stehen inzwischen nur noch auf Rot.
Vorgesehen war laut Plan der Direktflug nach Aurangabad, aber Air India hatte beschlossen, dass dies nicht nötig täte und kurzerhand die Flugstrecke gestrichen. Wir mussten also erst nach Bombay, um von dort nach Aurangabad zurückzufliegen. Die Zeit zwischen den Flügen nutzten wir für eine erste Stadtrundfahrt, die beinahe bös geendet hätte. Bombay ist wie ein alles verschlingender Moloch, der jeden gefangen nimmt und die meisten nicht wieder loslässt. Sie gehen in seinem Gedärm unter und werden verdaut. Wie ein großer Magnet zieht er das arme Volk vom Lande weg und treibt es als Strandgut heimatlos durch seine Straßen, immer auf der Suche nach ein bisschen Glück. Was sie aber finden sind leere Plasteflaschen oder altes Eisen, das sie in ihre Säcke stopfen, und für ein paar Rupien im Monat verkaufen. Bombay ist eine beschissene Stadt, wo alle paar Meter jemand hockt und auf dem Bürgersteig seine Notdurft verrichtet. Bombay ist eine fromme Stadt, wo die heiligen Kühe angebunden sind. Für wenig Geld kann der reuige Sünder ein wenig Futter für die Tiere kaufen. Bombay ist eine reiche Stadt, wo mehr Dollar-Millonäre wohnen als in ganz Deutschland. Sie flanieren leicht bekleidet durch die klimatisierten Luxushotels, denn der reiche Inder friert und nur der arme schwitzt. Hier tragen sie ihre Pfunde zur Schau, denn der reiche Inder ist dick und nur der arme ist dünn. Vor kurzem gab es hier eine Hochzeit, auf der alle Gäste einen PKW als Geschenk erhielten. Es waren 900 Gäste! Mit so etwas kann man gefahrlos in der Zeitung protzen, denn die, die auf die Straße scheißen müssen, können ohnehin nicht lesen. Aber auch die Armen erhalten ihren gerechten Anteil vom Reichtum. Sie dürfen einen Augenblick den Schatten der neuen E-Klasse genießen.
Zum Schluss unserer Stadtrundfahrt sollten die letzten beiden Türme des Schweigens besichtigt werden, wo die Parsen noch heute ihre Toten ablegen und sie den Naturkräften preisgeben. Da wegen der hohen Umweltverschmutzung die Geierpopulation in Bombay am schwinden ist, ist die Sache nicht mehr ganz unproblematisch. Auf dem Weg dorthin gab aber unser Bus den Geist auf. Oder wollte man uns nur den Anblick ersparen? Anfangs nahm jeder die Sache gelassen hin. Man stand am Straßenrand im Schatten der Bäume dumm herum und beobachtete das gegenüberliegende Polizeipräsidium. Aber der herbeigerufene Ersatzbus ließ auf sich warten. Uns wurde auch im Schatten immer wärmer. Zuletzt geriet alles in Panik, weil das Flugzeug nach Aurangabad ohne uns abzufliegen drohte. Dass wir es dennoch schafften, grenzte bei den verstopften Straßen an ein Wunder.
Von Aurangabad fuhr uns ein Bus in Richtung Ajanta und Ellora. Gleich nach dem Monsun muss die Gegend wunderschön sein. Viele Bäume, Felder und dazwischen Tafelberge. Jetzt aber sah alles öde und vertrocknet aus. An einem Feld, auf dem braune Papiertüten wuchsen, machten wir halt. Links der Straße dieser hölzerne Hakenpflug im Einsatz und rechts das besagte Tütenfeld. An den kräftigen Halmen wuchsen Maisblätter und oben drauf eine braune Tüte mit irgendwelchen aufgemalten Zahlen: 17813, 17814 usw. Zuerst dachten wir, dass hier Papiertüten angebaut würden, aber es stellte sich heraus, dass es Hirsepflanzen waren und auch nicht auf jeder Rispe steckte eine Tüte. Was mag das alles bedeuten? Dreht man auch hier hinten an den Genen? Hier gedeiht also die Hirse, die sich Kathleen aus dem Bioladen holt. Na dann Guten Appetit!
In der Abgeschiedenheit der Schlucht des Waghora-Flüßchens sind halbkreisförmig 29 Höhlenklöster in den steilen Felsabhang geschlagen worden. Zwischen dem 2. vorchristlichen und dem 6. nachchristlichen Jahrhundert haben sich hier vagabundierende buddhistische Mönche ausgetobt. Der eine hackt Holz, wenn er sexuellen Überdruck verspürt, der andere haut Löcher in den Fels. Andere Länder, andere Sitten. Da drinnen hockten sie dann, wenn es regnete und auch wieder, wenn es nicht regnete. Von den Mönchen war nichts mehr zu sehen, vom Fluss auch nicht. Ein englischer Soldat soll diese Höhlen bei Ajanta auf der Tigerjagd wieder entdeckt haben. Die Tiger gibt es hier natürlich auch nicht mehr.
Die Mönche, die den Kailash-Tempel in Ellora aus dem Stein hauten, mussten unter einem ganz besonders hohen Druck gestanden haben. Sie haben ca. 150000 bis 200000 t Basaltgestein abgetragen. Er ist der größte Tempel von insgesamt 34. Es muss ein Heidenstück Arbeit gewesen sein. Wenn Friedel bedenkt, wie kaputt er manchmal ist, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kommt. Neben den zahlreichen vielarmigen hinduistischen und den wenig-armigen buddhistischen Gottheiten ist uns ganz besonders eine Skulptur in diesen Höhlen aufgefallen. Und zwar durch die dargestellte Körperhaltung. Irgendwie kam uns die sehr geläufig vor. Wo hatten wir das vor kurzem erst gesehen? Genau! Hier hatten die Mönche den kackenden Leuten von Bombay ein Denkmal gesetzt.
Zurück in Bombay konnten wir uns von der naturnahen Darstellung überzeugen. Hier endete dann nach 16 Tagen unsere Tortur der tausend Trinkgelder durch Indien.
An einem gottverlassenen Strand an Goa's Küste legten wir anschließend 2 Wochen lang die Beine hoch und erholten uns von dem Stress. Nichts störte unsere Ruhe, kein Händler bedrängte uns mit seiner Ware, aber auch keine jungen Burschen mit anderen Dingen. Nur einmal zogen 2 Düsenjets der indischen Luftwaffe im Paarflug über unsere Köpfe hinweg. So dicht nebeneinander, dass sich die Flügelspitzen zu berühren schienen. Joschis Kommentar dazu: Und hier unten können sie nicht mal zwei Ziegelsteine gerade nebeneinanderlegen. Den Strand, der fast noch genauso jungfräulich war wie am Tag vor der Landung der Portugiesen, bevölkerten lediglich zahllose mehr kleinere als größere Krabben, die hier aber keine Kügelchen formten. Es mangelte ihnen an der entsprechenden Masse. Die Masse, die reichlich vorhanden war, schwarz und klebrig, eignete sich wohl nicht.
Uns fällt es schwer, ein Resümee dieser Reise zu ziehen. Der Schriftsteller Khushwant Singh hat seinen Landsleuten Aberglauben, Unpünktlichkeit, Doppelmoral und Speichelleckerei vorgeworfen. Als Tourist wird man das kaum gebührend beurteilen können. Man schaut ja nicht dahinter. Wenn wir den einheimischen Reiseleitern, die sich bei uns die Klinke in die Hand gaben, Glauben schenken wollen, hat er wohl in allen Punkten recht. In den Ämtern und Behörden wird höchstens eine knappe Stunde täglich gearbeitet. Ganze Stadtteile bestehen nur aus Bordellen. Einmal haben wir eine Zeitung aufgeschlagen und seitenweise Glückwunschannoncen zum Geburtstag eines lokalen Politikers gefunden.
Khushwant Singh wirft den Indern vor, öffentlich prüde zu sein und insgeheim sexbesessen. Letzteres können wir durch eigene Erfahrungen nicht hinreichend belegen.
Wer Indien noch nicht gesehen hat, sollte sich beeilen, bevor der Monsun und die Untätigkeit der Behörden die noch verbliebenen Schönheiten gänzlich zerstört haben.
Insgesamt scheint Indien furchtbar zu sein. Wir würden aber, glauben wir, wieder hinfahren! Aber das wird wohl noch lange dauern.



